Prolog
Es ist kurz vor Mitternacht. So muss es auch sein.
Hoch oben steuert der Wind die Wolken, die über den Himmel rasen.
Das Silbermondlicht flackert furchterregend über dem höchsten
Turm eines dunklen Schlosses, in dem die böse Königin lebt.
Sie ist kurz davor zu sterben.
Die böse Königin saß da und starrte ihr Spiegelbild an... Sie war
wunderschön, nahezu makellos; es gab keine Falte, die ihr Alter
anzeigte. Ihre Rivalinnen, die, die es gewagt hatten, 'die Schönste im
ganzen Land' zu sein, waren schon lange verwelkt und gestorben.
Zu Beginn war sie so töricht gewesen, ihre Zeit mit Dingen wie giftigen
Äpfeln zu verbringen, wenn alles, was sie brauchte, bloß etwas
Zeit war; nach einer gewissen Zeit vergeht alles.
Sie fluchte.
Sie wusste natürlich, dass der Tod unausweichlich war: Er ereilte
jeden früher oder später. Selbst die Tatsache, dass sie getötet werden
würde, machte ihr nichts aus. Das war alles Teil des Schicksals einer
bösen Königin. Ob sie von zwei undankbaren Kindern in den Ofen
gestoßen würde oder durch ihren treuen Diener geköpft (wie es auch
passieren wird) war von keiner Bedeutung. Es war Tradition. Was sie
so sehr verärgerte und das schon seit geraumer Zeit, war die Tatsache,
dass alles, was sie je getan hatte, in Vergessenheit geraten würde.
Was war dann der Sinn von all dem? Weshalb eine böse Königin sein,
wenn alles, was sie getan hatte, mit ihr untergehen würde? Das ergab
keinen Sinn. All die Nächte, die sie damit zugebracht hatte, neben
einem blubbernd heißen Kessel zu sitzen in Gesellschaft von fetten
Ratten und haarigen Spinnen - waren diese um sonst gewesen? Sie
hätte auch beschließen können, mit einem hübschen Prinzen zu tanzen,
der über ihre Witze lacht, während sie den Tag hoffnungsvoll
erwartet, an dem einer von ihnen sie retten würde.
Die Königin spottete.
Sie retten? Vor wem? Sie hatte sich das ausgedacht. Sie hatte es dazu
gebracht eine böse Königin zu sein, so wie sie sein musste: etwas
mehr als bloß gnadenlos.
Durch sie waren sie legendär geworden. Sie war gefürchtet von jeder
königlichen Familie im Umkreis von vielen Meilen. Wie viele Könige
hatten einen einfältigen Sohn an einen hungrigen Storch verloren?
Wie viele hübsche und unschuldige Mädchen waren gealtert und unverheiratet
geblieben, weil sie zu eitel gewesen waren, ihr Haar lang
wachsen zu lassen? Niemand schien die Genialität und Vollkommenheit
ihrer Magie zu schätzen. Wenn schon nicht das, so sollte doch
zumindest jener Zauber, der nicht nur einen, sondern sogar sieben
Zwerge zum Singen gebracht hatte, ihr zur ewigen Erinnerung gereichen.
Angesichts dessen, blickte Sie in und durch den Spiegel,
hinaus in die Zukunft - zweihundert Jahre, um genau zu sein -, wo die
Ursache ihres Endes beginnt...